Teilhabe

Das Berlin der Nachwendezeit wird aus subkultureller Perspektive oft romantisiert – zugleich legten Sparpolitik und Privatisierung den Grundstein für heutige Verdrängungsprozesse. Der Essay verbindet diese Entwicklung mit dem Aufstieg der Kreativwirtschaft und zeigt, warum Räume für nicht-kommerzielle Kultur verschwinden – und weshalb Projekte wie die Kulturflöße entstehen.
In der Spree schwimmen keine Haie
Die Stadt ist ein Ort vieler Dimensionen. Berlin ist die absolute Stadt, absoluter Dimensionen. Wessen Weg man in dieser Stadt auch betrachtet, ist nicht wichtig. Wird doch jeder dieser Wege tangiert von den Wechselwirkungen des urbanen Gefüges und der darin stattfindenden kulturellen Produktion. Wer wo wie viel Platz einnimmt, wurde allerdings zunehmend eine Frage des Geldes. Vor allem im Bezug auf die explosionsartige Steigerung der Mieten in Berlin.
Die Kulturflöße sind als Reaktion auf diesen Verdrängungsprozess zu verstehen. Sie sind ein mittendrin schwimmender Fluchtversuch vor den Bodenwert-orientierten Marktmechanismen des spekulativen Immobilienmarkts an Land. Denn das Wasser gehört keinem Investor, es gehört uns allen. Es hat keinen Bodenwert. Die Kulturflöße bieten allem Platz, wofür es an Land kein Platz mehr gibt (Spree:prublik, 2022).
Warum gibt es denn keinen Platz mehr an Land?
Die Freiräume der 90er Jahre in Berlin werden noch heute vergegenwärtigt, wenngleich romantisierend vereinfacht. In wiederkehrender Mode, in emotionalen Liebesbekenntnissen an diese Zeit bis hin zu groß angelegten Ausstellungen. Politisch betrachtet endete die Nachwendezeit allerdings nüchterner, schwarz auf weiß (Bisky, S. 865 f.). Eine ohnehin angeschlagene Haushaltslage in Zeiten wirtschaftlichen und politischen Umbruchs wurde überrumpelt von gieriger und unbedachter Finanzpolitik. Der Berliner Bankenskandal 2001 stürzte die Haushaltspolitik in eine Milliarden-Krise (RBB, 2005). Radikale ausgleichende Sparmaßnahmen, angeleitet von Thilo Sarrazin, entzogen der Stadt einen großen Teil des eigenen Handlungsspielraums: Personalabbau, Veräußerungen städtischen Eigentums, Aufschub von Investitionen (Bisky, S. 872). Neben der Privatisierungswelle der 90er Jahre sind diese Maßnahmen mitverantwortlich für den Ausverkauf und der daraus resultierenden umfassenden Kommerzialisierung der Stadt.
In diesen Krisenjahren wuchs erstaunlicherweise Berlins Bevölkerung und Touristenverkehr, nicht zuletzt aufgrund des mittlerweile geflügelten Ausdrucks des regierenden Bürgermeisters Wowereit „Arm aber sexy“ (2003). Trotz einer strukturellen Krise festigte sich das Bild einer gelassenen, vielseitigen, bunten und niemals fertigen Stadt.
Wer war dafür verantwortlich?
Eine subkulturell und öffentlich kreativ agierende Stadtgesellschaft fand gleichzeitig in der Theorie der Stadtplanung einen liberalen Verfechter. Richard Florida erkennt 2002 das wirtschaftliche Potential einer kreativen Klasse und dokumentiert das aus heutiger Sicht Offensichtliche (Wainwiright, 2017). Hochausgebildete und kreativ-kulturell interessierte Fachkräfte würden angezogen von einer vielseitigen städtischen Kulturlandschaft. Hiermit ist die Staatsoper, sowie der Untergrund Rave gemeint. Wurde anfangs das bohemische Berlin noch als Gegenbeispiel zu Floridas Theorie gesehen, löste es zwischen 2017 und 2023 Paris als zweitgrößten Hub für Gründungen und Start-Ups ab (Florida, 2019, S. VII ff.)(Ohr, 2023). Nur die Global City London war noch vor Berlin.
Mit der Anerkennung der Subkultur als städtischer Wirtschaftsfaktor etablierte sich aber ebenso ein Spannungsfeld zwischen den Kulturschaffenden und Stadtpolitiker*innen. Wollte man sich einerseits abgrenzen von der kapitalistisch getriebenen Liberalisierung der Stadt, war man gleichzeitig abhängig vom guten Willen eben jener Autoritäten, die diese Kommerzialisierung vorantrieben. Während urbane Teilhabe immer stärker von finanziellen Mitteln abhängig gemacht wurde und wird, fehlte und fehlt es andererseits an Förderungen und Regulation, die der Berliner Subkultur ernsthaft den Rücken stärken könnten in diesem Haifischbecken. Dass die kreative Klasse dieses Becken immer weiter füllt und Floridas Truppe dadurch mit in die Verantwortung zu ziehen ist, ist an ihm selbst auch nicht vorbeigegangen (Wainwright, 2017).
Die Subkultur und kreative Szene Berlins ist der Ast, auf dem der wirtschaftliche Erfolg des Kreativsektors ruht. Wird dieser Ast nicht genug versorgt, so riskiert man neben der kulturellen Vielfalt und urbanen Lebensqualität ebenso die Implosion dieser Wirtschaftskraft.
Dass es diese Subkultur gesellschaftlich wert ist, kann der „Recht auf Stadt“ Theorie und Bewegung zufolge in großen Lettern mit Ja beantwortet werden. Im Sinne Lefebvres lässt sich diese Wertschätzung begründen. Subkultur stärkt die „Differenz“ einer Stadt, das Aufeinandertreffen und Zusammenkommen von unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen, Erfahrungshorizonten. An eben jenen Orten, wo die Differenz verschiedener Leben auf gegenseitige und aktive Anerkennung stößt – dort ist Fortschritt. Dort ist Kultur (Schmid in Busch et al., 2020, S. 27).
Die Zahlen und Fakten erzählen ihren Teil zu dieser Entwicklung. Aus tausenden Kneipen wurden hunderte (The Guardian, 2017). Die Hälfte aller Mitglieder der Berliner Clubcommission dachte über eine Schließung im Jahr 2025 nach (dpa, 2024). Waren es Mitte der 2010er Jahre noch circa 150 Projekträume für die freie Szene, sind auch diese deutlich weniger geworden (Pelger, 2022). Die neu eröffnenden Orte sind oft schon in ihrer Entstehung so markt-angepasst, dass jede Grundlage für nicht-kommerzielle Kulturarbeit fehlt.
Möchte man sowohl die urbane Lebensqualität im Sinne Lefebvres als auch die kreative Klasse im Sinne Floridas stärken, so muss man langfristige Räume und finanzielle Unterstützung aller kreativen Akteure sicherstellen. Berlin ist Subkultur, Subkultur ist Berlin.
Das ist keine neue Erkenntnis, es prangt überall. In wissenschaftlichen Erkenntnissen, bei Demonstrationen von Tausenden gegen die Kürzungen im Kulturbereich, in den strahlenden Augen freischaffender Künstler*innen, in tanzenden Mengen. Solange dieses Wissen allerdings nicht ausreichend in politische Entscheidungen übersetzt wird, solange sollten wir alle verbleibenden Freiräume vor weiterer Verdrängung schützen. Und wenn man sie dafür in die Spree wirft und erst danach an einen Hafen denkt. In der Spree gibt es keine Haie.
Busch, B.T. und Bertuzzo, E.T. (2020) Lefebvre for activists. Herausgegeben von V.C. Anderson. Hamburg: adocs Verlag.
dpa (2024) „Clubsterben: Der drohende Untergang des Nachtlebens“, Die Zeit, 22 November. Verfügbar unter: https://www.zeit.de/news/2024-11/22/der-drohende-untergang-des-nachtlebens# (Zugegriffen: 11. November 2025).
Florida, R.L. (2019) The rise of the creative class. Updated 2019 paperback edition. New York: Basic Books.
Ohr, T. (2023) „TOP 30: Europe’s biggest startup hubs in 2023“, EU-Startups, 17 Juli. Verfügbar unter: https://www.eu-startups.com/2023/07/top-30-europes-biggest-startup-hubs-in-2023/ (Zugegriffen: 11. November 2025).
Pelger, D. (2022) „Art-based Commoning? On the Spatial Entanglement of Cultural and Urban Politics Through the Example of Project Spaces in Berlin“. Technische Universität Berlin. Verfügbar unter: https://doi.org/10.14279/DEPOSITONCE-11983.
RBB – Kontraste (2005) Nieten in Nadelstreifen – Anklage im Berliner Bankenskandal. Verfügbar unter: https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/demokratie/nieten_in_nadelstreifen.html (Zugegriffen: 11. November 2025).
Spree:publik – Ein freier Hafen für alle (2022). Verfügbar unter: https://vimeo.com/760028828 (Zugegriffen: 11. November 2025).
The Guardian (2025) „The Guardian view on Berlin’s ailing club scene: a unique inheritance needs protecting“, The Guardian, 4 August. Verfügbar unter: https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/aug/04/the-guardian-view-on-berlins-ailing-club-scene-a-unique-inheritance-needs-protecting (Zugegriffen: 11. November 2025).
Wainwright, O. (2017) „‘Everything is gentrification now’: but Richard Florida isn’t sorry“, The Guardian, 26 Oktober. Verfügbar unter: https://www.theguardian.com/cities/2017/oct/26/gentrification-richard-florida-interview-creative-class-new-urban-crisis (Zugegriffen: 11. November 2025).